The Face Blog

Begegnungen mit Menschen werden wir erleben, und einige Gesichter möchte ich euch davon zeigen....

Bruchstücke aus Athen
26.05.16

Es ist ein schönes Wiedersehen in Athen. Wenn auch mein Griechisch holprig ist, sprechen wir die gleiche Sprache und es braucht nur wenig Fakten, der Rest kommt aus dem hier und jetzt.
Vor 3 Jahren haben wir uns zuletzt auf der Insel gesehen, in Molivos/Lesbos, wo Jorgo geboren war und aufwuchs. Er lebt seit über 25 Jahren in Athen. Die Wirtschaftskrise hatte ihn 5 Jahre lang arbeitslos gelassen, nur Gelegenheitsjobs und die Unterstützung seines Freundeskreises hielten ihn über Wasser. Jorgos hat keine Kinder und ist nicht verheiratet. Als er Anfang des Jahres seiner Mutter auf Lesbos mit der Wahl nach Lesbos zurückzukehren oder nach Bulgarien zu gehen konfrontierte, entgegnete sie mit: „Geh besser nach Bulgarien!“ – so erzählt er.
In diesem Moment hatte er dann doch noch Glück und es bot sich ihm eine Stelle im IT-Bereich an, eine Vollzeitstelle in einem Büro in Syntagma, dem Zentrum von Athen für 1.000,- € Monatsgehalt. Das Klima im Betrieb ist schlecht, es werden Mehrarbeitsstunden geleistet, laut Gesetz würden ihm 4 Wochen Urlaub im Jahr zustehen, ungewiss bleibt, ob das genehmigt wird. Und trotzdem ist er in einer günstigen Lage.
Die derzeitige Single-Wohnung hat den Charme von Genügsamkeit und erst eingezogen zu sein;-)

Es ist wie immer – als wäre es gestern gewesen, als wir uns zum letzten Mal begegneten. Doch ist es 3 Jahre her und 7 Jahre sind vergangen, seit ich Athen besuchte. Gleichzeitig bin ich sofort da. Was Menschen alles möglich machen…

Während wir am Nachmittag in seiner Wohnung rasteten, sprach er von seinen Eindrücken auf Lesbos bei seinem letzten Besuch zum Osterwochenende:
„Ein seltsamer und recht entsetzlicher Gedanke kam in mir auf: wenn ich in Eftalou schwimmen gehe, werde ich vielleicht plötzlich mit meiner Hand auf etwas Unerwartetes im Wasser stoßen und vielleicht nach der Hand eines toten Körpers oder einen Gegenstand greifen und aus dem Wasser ziehen?“

Eftalou ist ein langgezogener Steinstrand, mit Felsteilen im Wasser. Man kann die türkische Küste gut sehen, sie ist sehr Nahe, weshalb Eftalou zu den Hotspots von Ankömmlingen der flüchtendem Menschen gehörte. Ich kenne diesen Teil sehr gut aus der Vergangenheit und tausche mit Jorgo meine sehr ähnlichen Gedanken aus.

Er fährt fort: „Ich habe zu Ostern nur noch vereinzelte Berge an Schwimmwesten an der Küste gesehen, da die Küste gesäubert wird, doch man hat mir erzählt, dass die Küste ein einziger Wall war.“

„Das Problem war bisher, dass wir nie wussten, wann wieviele kommen, im Unterschied zu Österreich, die bereits wussten, wieviele ungefähr unterwegs waren.“

Die Rolle der NGOs sieht er kritisch und beschreibt es mit folgender Situation.
NGOs zahlten für ein Feld, um es für Zelte der Ankommenden zu benutzen, an die 200.000€ Pacht, dass sie für 80.000€ hätten kaufen können. Warum wurde mit den Geldern nicht achtsamer umgegangen?
Den griechischen Landsmann und Besitzer dieses Grundstücks bezeichnet Jorgos mit einem geringschätzigen Ausdruck, um die zu beschreiben, die um ihren Profit bemüht sind: „Kollochondros“

Den sarkastische Humor hatte ich vermisst: Meine Lektüre Jorgo Seferis mit dem Titel ‚Poesie‘ kommentiert er nur mit einem Lachen:
„Poesie ist wie eine Frau, wunderschön und man magst sie haben, aber man kann sie nicht lesen und nicht verstehen.“


*